[emay] – Erzählung – Tuareg

[ulluriaq] – Stern – Inuit

„In einer Zeit vor der
Schrift war unser
Sternenhimmel ein
Kino der Nacht.“

Raoul Schrott

Sternenhimmel der Menschheit

2.–5. September 2021

Festival unter der Himmelskuppel von Nantesbuch
Im Bayerischen Voralpenland:
Nantesbuch, Karpfsee 12, 83670 Bad Heilbrunn

Programm

Vier Tage rund um die gewaltigen kosmischen Bilder-Bücher der Kulturen mit internationalen Gästen aus Wissenschaft und Kultur, mit Gesprächen, Lesungen, Konzerten, DJ Liveacts und mit freiem nächtlichem Blick in die Sterne

Raoul Schrott, Michael Köhlmeier, Sibylle Anderl, Heino Falcke, Bruno Leibundgut, Florian Freistetter, Hans-Jörg Uther, Wayne Horowitz, Nicholas Campion, Michael Rappenglück, Amanar - Ahmed Ag Kaedy & Musicians, Katajjaq Duo, DJ Nomad, DJ Maryisonacid, DJ Charlotte Bendiks, DJ Uta Blixa Bargeld, Corinna Harfouch, Melika Foroutan, Ulrich Noethen, Nadeshda Brennicke, Michael Rotschopf

Es steht in den Sternen

Das größtmöglich denkbare und zugleich für Menschen auf aller Welt gleichermaßen wahrnehmbare Naturphänomen – der Sternenhimmel – diente und dient zu allen Zeiten als Projektionsfläche für die Kulturen der Menschheit.

Weltkarte der Kulturen
TuaregInuitNördliche DeneNavajoMayaMesopotamienAraberAltes ÄgyptenAndenIndienChinaAboriginesMāoriTahitiPalawanBororo/Xam
Weltkarte der Kulturen
TuaregInuitNördliche DeneNavajoMayaMesopotamienAraberAltes ÄgyptenAndenIndienChinaAboriginesMāoriTahitiPalawanBororo/Xam
Weltkarte der Kulturen
TuaregInuitNördliche DeneNavajoMayaMesopotamienAraberAltes ÄgyptenAndenIndienChinaAboriginesMāoriTahitiPalawanBororo/Xam
Kein Himmel ist gleich. Von jedem Punkt unserer Welt ist der Himmel ein anderer: 17 Sternen­himmel, gesehen aus vielerlei Augen. Bald aber: sie alle auf einen Blick.

In den zahllosen, über den Himmel verteilten Lichtpunkten sah und sieht eine jede Kultur bis heute jeweils andere Figuren. Schöpft aus ihnen ihre Mythen und Sagen. Erzählt grandiose Geschichten von der Entstehung der Welt und der Menschen, ihren Jagden und Ernten, ihren Kämpfen und Leidenschaften. Diese Geschichten gehören zu den ältesten der Welt, und sind dennoch erstaunlich unbekannt.

Der Autor Raoul Schrott trägt all dies über einen Zeitraum von mehreren Jahren in einem großen Atlas der Sternenhimmel zusammen, der weltweit erstmals die Sternbilder und die damit verbundenen Erzählungen und Mythen der Kulturen erschließt und – oftmals nach Jahrtausenden – wieder bebildert.

Amanar lebend
AMANAR - Der Karawanenführer – aus dem Sternenhimmel der Tuareg

Der Sternenhimmel der Menschheit –
Einführungsheft zum Download

Auf dieser Seite begleitet die Stiftung Kunst und Natur die Entstehung und Entwicklung dieses groß angelegten Kulturprojektes.

Historische wie heutige Sternenhimmel und Sternsagen aus allen Kontinenten sollen hier in Wort und Bild erzählt, dokumentiert und in Zusammenhang gebracht werden. In Verbindung mit künstlerischen Kommentaren und wissenschaftlicher Erörterung und im internationalen Austausch mit heutigen Sichtweisen auf die Sternenhimmel-Kulturen der Welt soll hier im Laufe der Jahre eine Plattform zur Erzählung der Sternenhimmel der Menschheit entstehen.
Dazu entfaltet die Stiftung Kunst und Natur ein umfassendes Programm aus Festivals und Veranstaltungen am Standort Nantesbuch und andernorts, Ausstellungen, Medienprojekte und Kooperationen.

Die Stiftung Kunst und Natur hat es sich zur Aufgabe gemacht, Räume zu schaffen, die die Verbindung von Kunst und Natur als elementare Pole im Wesenskern des Menschen greifbar machen. Indem der Mensch seine Mythen, Geschichten und Lebenswelten in den Sternenhimmel hineinprojiziert, fasst er die unendliche Natur in Kultur. Kein anderes Thema ist daher so geeignet, den Verbindungsraum zwischen Natur und Kunst zu greifen, als die Beschäftigung mit den Sternenhimmeln der Menschheit.


Verfolgen Sie hier Entstehung und Entwicklung, Geschichte und Geschichten rund um den Sternenhimmel der Menschheit.

[emay] – Erzählung – Tuareg
Kehr hinter den Sternen her, kehr den Sternenstaub zusammen und wirf ihn dann in die großen schwarzen Löcher der Welt.
Sprichwort der Tuareg aus dem Tassili N'Ajjer
Aus: Jean Siccardi, Sagesses et Malices du Touareg, Paris 2003, S. 15
Kosmische Rohrschach-Tests der Kulturen

Jede Kultur hat ihren eigenen Sternenhimmel: sie sieht in den willkürlich über den Himmel verstreuten Lichtpunkten jeweils völlig andere Figuren und versieht diese dann mit Mythen. Derart stellen diese Sternenhimmel mit ihren Konstellationen und dazugehörigen Geschichten die ältesten Bilder-Bücher der Welt dar. Und da sich die Figuren nachts mit dem Himmel drehen, finden sich darin auch die ältesten Kinoszenen wieder: von Zweikämpfen, Verfolgungen und Jagden, unglücklichen Liebschaften. Die so gezeichneten und erzählten Sternenhimmel sind in der Regel älter als jeder Schriftgebrauch. Gerade deshalb waren sie für die einzelnen Kulturen wichtig: denn so ließ sich alles, was für eine Gesellschaft grundlegend war – ihre Götter, Helden, Totemtiere, Pflanzen und Dinge –, in die Sterne projizieren. Deren Umrisse einmal in die Nacht gesetzt – unseren Kirchenfenstern oder den sogenannten Armenbibeln für das Volk vergleichbar –, illustrierten sie dann die Jahrtausende lang weitergegebenen Sagen dazu. So wurde der Sternenhimmel zum symbolischen Dach einer Gesellschaft, die von dort oben alles ablesen konnte, was für sie elementar war.

„Es beginnt damit, den Sternbildern den Rang zurückzugeben, den sie für sich beanspruchen können.“ Raoul Schrott zu seiner literarischen Recherche

Als wäre die Nacht mit ihren über 6000 mit freiem Auge erkennbaren Himmelsobjekten ein Rorschach-Test, verband man die Sterne zu immer wieder anderen Mustern und Deutungen. Für uns scheinbar selbstverständliche Figuren wie der Orion oder Große Wagen wurden, je nach Kultur, segmentiert oder mit weiteren Sternen ringsum zu einer Gestalt verbunden: und dementsprechend natürlich anders benannt und mit Geschichten erklärt. Zudem erfüllte der Sternenhimmel über die symbolische hinaus auch eine eminent pragmatische Funktion: er stellte zugleich den ältesten Kalender dar. Der Aufgang einzelner Sternbilder bestimmte die Zeit fürs Säen, Ernten, Jagen, und der Mondlauf den Monat. Auch orientierte man sich an den Sternen und navigierte mit ihnen. Von den Sternenhimmeln mussten sich überall die fundamentalsten Elemente einer Gesellschaft ableiten lassen. Dieses Projekt möchte über relevante Sternenhimmel auf allen Kontinenten erzählen: die Himmel der Inuit, der ersten Völker Nordamerikas, der Maya und Inka, der Indios im Amazonas und der Atacama, der Osterinsel, der Maori Neuseelands, der Aborigines Australiens, der Philippinen, Indiens und Chinas sowie der /Xam Südafrikas.

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Die drei Dorkas-Gazellen
IHENKAD' – Die drei Dorkas-Gazellen – aus dem Sternenhimmel der Tuareg
„Wir können nicht nichts sehen – Wie Sternbilder entstehen“
Raoul Schrott
Der unsere ist ein schlechtes Beispiel für einen Sternenhimmel, weil wir unsere Sternbilder aus dritter Hand haben. Die Griechen schauten sich von den Babyloniern deren Figuren ab und deuteten sie um; da sie mit deren Göttern und Mythen nichts anfangen konnten, gaben sie ihnen neue Namen und erfanden ebenso neue Kunstmärchen dafür. Die Römer übernahmen diese hybriden Embleme und gaben sie an arabische Astronomen weiter, über die sie im Mittelalter schliesslich zu uns gelangten. Das hatte zur Folge, dass die Zeichnung der Sternbilder, die wir kennen, bloss noch als grobe Etiketten auf den Sternen kleben: irgendein Stern irgendwo ganz allgemein den Kopf oder eine Hand markierend. Kein Wunder also, dass wir sie so geringschätzen und kaum noch wahrnehmen. Jede andere Kultur hingegen, ob historisch oder indigen, ob die Alten Ägypter oder Maya, die Maori oder Inuit, hat ihre jeweils eigenen Sternbilder detailgetreu aus den Sternen herausgelesen. So wurden die Figuren – samt den zu ihnen erzählten Mythen – zu den ältesten Bilder-Büchern, über die sich eine Gesellschaft definierte.
Aber warum sehen wir überhaupt Bilder in den Sternen?

Menschen sind eigentümliche Wesen. In Allem suchen wir einen Sinn.

Beispielsweise gruppieren wir Hunderte von Lichtjahren entfernte Sonnenpunkte zu anthropozentrischen Figuren. Sehen in ihnen Gestalten, indem wir Lichtpunkte zu Silhouetten formen. Machen uns kurzerhand die Welt zu eigen, indem wir sie den Gesetzen unserer Wahrnehmung unterwerfen, sie zu Bildern zusammensetzen – die es allerdings so nur in unserem Bewusstsein gibt.

Das liegt unter anderem auch daran, dass sich Gehirn und Auge zu derart empfindlichen Detektoren von Umrissen entwickelt haben, dass wir Menschen gar nicht mehr anders können, als Linien, Kurven und Winkel geradezu für natürliche Komponenten der Welt halten müssen.

So erschaffen wir die Welt? Unsere Welt. Die Welt in unserem Kopf.

Selbst ein nur von vielen zufällig verstreuten Lichtpunkten durchwirktes Feld, wie es der Nachthimmel darstellt, setzt diese evolutionär entstandenen Wahrnehmungsweisen in Gang: wir können gar nicht anders, als in ihnen aus Linien, Kurven und Winkeln erschlossene Figuren zu sehen.

Im Grunde also ein ganz natürlicher Vorgang: um etwas zu sehen, heben wir es vom Hintergrund ab. Und da die Schwärze des Nachthimmels in unseren Breiten dem Auge nicht allzu viel zu bieten hat, werden eben die Lichtpunkte darin als relevant aufgefasst: woraufhin das Gehirn sie zu Strukturen zusammensetzt.

Je regelmäßiger dabei die Reizmuster sind, desto leichter fällt es uns, sie in eine Gestalt überzuführen. Das erste Gesetz, das dabei greift, ist das der durchgehenden Linie: Punkte, die sich zu einer geraden oder sanft geschwungenen Linie verbinden lassen. Das zweite Gesetz ist das der Nähe: Linien, die sich nahe beieinander befinden, erscheinen als zusammengehörig. Das dritte Gesetz ist das der guten Gestalt, demnach wir jedes Reizmuster so interpretieren, dass die daraus resultierende Struktur so plausibel wie möglich ausfällt.

Da sich der Nachthimmel zudem gerade noch merklich dreht, greift außerdem das Gesetz des gemeinsamen Schicksals, demzufolge Sterne, die sich in der gleichen Richtung bewegen, als zusammengehörig erscheinen – sich in einer Richtung bewegenden Tänzern gleich, die als Gruppe wahrgenommen werden, die sich von stehenden Tänzern absetzt.

So ist der Sternenhimmel der Inuit beispielsweise geprägt von Bewegung, wie die vielen Jagd- und Verfolgungsszenen zeigen, bei denen Jäger und ihre Hunde einen Eisbären hetzen oder eine Schlittenfahrt Männer hinauf in den Himmel führt, der in dem White-out des Eises ohnehin stets greifbar nahe scheint.

Bei den Tuareg wiederum hat dieses Gesetz des gemeinsamen Schicksals die Geschichte des armen Vasallen Kukayod’ entstehen lassen, der die Ziegenherde der Hyaden als sein Hochzeitsgeschenk zu den Töchtern der Nacht in den Plejaden treibt, ohne jemals eine von ihnen zur Frau zu erhalten – da er ja nie ankommt, seit grauer Vorzeit schon.


Um verstreute Lichtpunkte als Figur wahrzunehmen, muss man sie erst einmal von ihrem Hintergrund abheben: wobei stets das zum Hintergrund gerät, was weniger Information bietet. Nur deshalb lassen sich die aus einer gleichförmig schwarzblauen Nacht hervorleuchtenden Sterne gemäß den oben aufgezählten Gesetzen ja erst zu einprägsamen Figuren gruppieren.

Kehrt sich dieses Verhältnis um – wie in der Atacama-Wüste, wo der Himmel so klar ist, dass Sterne und Milchstraße das Nachtdunkel fast elektrisch grell überstrahlen –, werden die Strukturen des Hintergrunds relevant: dann formen sich darin schwarze Sternbilder darin heraus, gleichsam als Negative. Derart sehen die Nachkommen der Inka auch heute noch in den Dunkelwolken der Milchstraße einen ganzen Tierkreis von Figuren: Lamas, Steisshühner, Frösche bis hin zu einer Schlange.

Mitten unter ihnen ist Atoq, der Fuchs, zu erkennen, der sich der Fabel nach dort oben bei einem himmlischen Bankett voll frisst, um irgendwann einmal zu platzen. Die moderne Astronomie erzählt im Grunde die gleiche Geschichte. Denn genau hinter seinem dunklen Fell verbirgt sich, wie wir seit kurzem wissen, ein ebenso gefräßiges Schwarzes Loch – das Zentrum unserer Milchstraße.


Eine gewisse Körperlichkeit erhalten Sternbilder dadurch, dass der Umriss einer abgehobenen Figur zu ihr und nicht mehr zum Grund gehört: sodass sie darüber zu schweben scheint. Was die Sternengucker der Antike dazu veranlasste, im Himmel nicht nur die Götter der Nacht zu erblicken, sondern sie dort auch ihre Häuser und Throne einnehmen zu lassen.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass es hier nicht um graphisch korrekte Darstellungen geht: Sternbilder sind naturgemäß stets irgendwie verzerrt. Sie sind auch nicht unserer modernen Vorstellung von Perspektive unterworfen, sondern bilden etwas gemäß der jeweiligen kulturellen Darstellungskriterien ab. So sind die Sternbilder der Ägypter von den typisch ägyptischen Bildformen denn auch ebenso vorgeprägt wie jene der Maya von ihren.

Wie und dass gerade "verworrene und unbestimmte Dinge" unsere Einbildungskraft anregen, hat Leonardo da Vinci auf wunderbare Art und Weise beschrieben: "Wenn du stehen bleibst, um auf einen Fleck, eine Mauer oder die Asche eines Feuers, auf Wolken, in den Schlamm oder auf andere Stellen zu schauen ... so kannst du da Dinge erblicken, die diversen Landschaften gleichsehen, geschmückt mit Gebirgen, Flüssen, Felsen, Bäumen, großen Ebenen, Tal und Hügel in mancherlei Art" – weshalb die alten Ägypter im Himmel ein riesiges Nildelta samt Insel, Schiffen und Kanälen rund um ihre Elysischen Felder wahrnahmen.

"Auch kannst du da allerlei Schlachten sehen" – wie etwa den ewigen und vielgestaltigen Kampf Seths gegen Osiris in mehreren alt-ägyptischen Sternbildern – "sowie lebhafte Stellungen sonderbar fremdartiger Figuren und ungeheuerlicher Dinge wie Teufel und dergleichen" – Chimären, Drachen und andere Mischwesen, wie sie die Mesopotamier an ihrem Himmel vergötterten –, oder „Gesichtsmienen“ – wie jene im Mond weltweit –, "Trachten" – wie das für die Tuareg typische Gewand, das ihnen Orion erst als Anführer kenntlich macht –, und unzählige andere Dinge …

Was da Vinci hier formuliert, erklärt, weshalb man in den Sternen von Ursa Major eine Bärin, einen Wagen, eine Schöpfkelle, einen einbeinigen Mann, einen Papagei, einen Elch, einen Fuchsschwanz sehen kann – je nach eigener Kultur.


Mittels ihrer ungeheuren kollektiven Einbildungskraft haben die Menschen weltweit mit ihrem jeweils einzigartigen Blick in den Sternenhimmel ihre ältesten Kunstwerke entworfen und geschaffen, Tableaus von Figuren, die für die jeweilige ethische und ethnische Gemeinschaft ebenso zentral sind wie das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle für das Christentum.

Sternbilder sind also keineswegs Klecksographien, ausschließlich individuell und subjektiv, nein, sie sind für ein Kollektiv verbindliche Figuren, die Objektives vor Augen führen wollen: wie es die Bilder von Armenbibeln oder die Hinterglasmalereien in Kirchen tun.

Die Nachthimmel dienten den Kulturen in einer Zeit, als es noch keine Schrift gab, als Bilderbücher: denn in den Sternen fand sich alles für sie Wesentliche und Wichtige gezeichnet, das es nur herauszulesen und in Legenden und Mythen immer aufs Neue zu erzählen galt.

Die Sternbilder waren und sind bis heute Anlass für und Abbild von Sternsagen, in denen fundamentale Aspekte einer Kultur überliefert wurden und werden: zumal in Erzählungen vermittelte Informationen über zwanzig Mal einprägsamer sind als bloße Fakten allein. Und weil es nicht so bald aufhören wird, dass unser auf die Interpretation von Mustern ausgerichtetes Gehirn selbst in den Drehungen von Lichtpunkten am Nachthimmel noch Narrative zu erkennen verlangt.


Das demonstriert jedenfalls eindrucksvoll der Bericht eines Spaniers von 1609, dem die Inka die Figur einer ihr Junges säugenden Lamastute in den Dunkelwolken der Milchstraße zu zeigen suchten: "Sie sagten: 'Siehst du denn nicht den Kopf der Lamamutter? Und da: der Kopf des an ihr saugenden Fohlens; und dort: ihr Körper und die Beine.‘“ Ich jedoch vermochte nichts außer Flecken zu erkennen, was aber wohl einem Mangel an Vorstellungskraft meinerseits zuzuschreiben ist.“

Zweifelsohne: Ein Sternbild gehört der Natur an: der Natur ‚da draußen‘. Im selben Maß aber, nämlich als Kunst, ist es auch in uns, ‚da drinnen‘.

In jedem Fall ist es ein kreativer Akt, der in der Erschaffung eines Sternbildes zum Ausdruck kommt, allerdings eher einer des Findens. Nicht des Erfindens, von dem die Kunstgeschichte sonst erzählt – einer des Entdeckens, Erfassens, Wahrnehmens, Bestimmens: einer Bewusst-Werdung unserer selbst.


Das uralte und weltweit erblickte Mondgesicht etwa zählt zu jenen Schatten- und Trugbildern, die sich zwar als Fehldeutung unseres auf das Identifizieren von Strukturen angelegten Gehirns erweisen: vervollständigt es doch hauptsächlich diffuse und zufällige Reizmuster zu einer bekannten Figur. Im Unterschied zu veritablen Halluzinationen aber lässt sich dieser Vorgang willentlich steuern und zudem auch von anderen Personen wahrnehmen.

Ein alter Hut das, wie schon Shakespeare seinem Publikum genüsslich vorführte: "Siehst du die Wolke dort, die fast wie ein Kamel ausschaut? Polonius: Ich schwör’s; bei der Messe – sie wirkt wirklich fast wie ein Kamel. Hamlet: Ich denk’ eher wie ein Wiesel. Polonius: Es hat den Rücken eines Wiesels. Hamlet: Oder wie ein Wal? Polonius: Sie gleicht schon sehr einem Wal.“

Außerdem: Das eine wie das andere bindet uns in und an die Natur, in jeweils anderen Formen von Re-ligio: einer Rückbindung an die Welt. Dieselbe Kognition, mit der wir bilateral symmetrische Wesen in der Umwelt erkennen, lässt uns letztendlich auch über Supersymmetrien der Materie reden. Und so wie schon die Kunst aus unserem Gestalt-Sehen entstand, entwickelte sich auch die Religion auf ähnliche Weise.

Allein deshalb schon gehören die Sternenhimmel der Menschheit zu unserem unschätzbaren immateriellen Kulturerbe – das trotz Raketen, Raumsonden und Teleskopen auch weiterhin ungreifbar bleiben wird. Geheimnisvoll. Voller Magie.

Der einzig merkbare Unterschied zwischen damals und heute allerdings besteht darin, dass der Sternenhimmel jetzt für uns Menschen von heute, falls wir ihn überhaupt noch irgendwo in seiner ganzen Schönheit sehen, eine unfassbarere Leere und Gleichgültigkeit auszustrahlen scheint, während wir ihm einst einmal durch unsere/seine Sternbilder nahe schienen, Teil waren von ihm: indem sie auf den Himmel projizierten, was uns an uns selbst wichtig war, in Gestalt von Göttern, Helden und Ungeheuern, Menschen, Tieren und Pflanzen, in grandiosen Geschichten von Kämpfen, Niederlagen und Erhöhungen.

Spätestens seit der Erfindung des Fernrohrs im 17. Jahrhundert hat die Menschheit begonnen, sich andere, neue Narrative über das Universum zu erdenken. Und auch die Bezüge sind mittlerweile etwas andere.

Um so wichtiger ist es, die frühen Sternenhimmel-Mythen und -Legenden, die ersten Bilderbücher der Menschheit, zusammenzutragen, sie sich zu vergegenwärtigen, in sie hineinzuschauen, in ihnen ein letztes Mal zu lesen, bevor sie sich für immer auflösen in ein glitzerndes Kaleidoskop aus undurchdringlichem Sternenstaub.

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